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Achtung, Werbung: Neue Selbstversorger-Bibel

Wer schon länger in meinem Blog mitliest, weiß, dass ich so gut wie nie für etwas Werbung mache. Ausgenommen einmal ein Buch von Erich Stekovic zu meiner Lieblingsgemüsesorten, den Tomaten.

Nun mache ich zum zweiten Mal in 11 Jahren eine Ausnahme und zwar für das Buch „Basiswissen Selbstversorgung aus Biogärten“ von Andrea Heistinger, das dieses Jahr im Löwenzahn-Verlag erschienen ist.

„Selbstversorgung“, dieser Begriff lässt bei vielen sofort ein romantisch verklärtes Bild aufkommen von Menschen, die mehr oder weniger abgeschottet in der Natur leben und für ihr leibliches Auskommen selber sorgen oder sorgen müssen. Das neue Buch „Basiswissen Selbstversorgung aus Biogärten“ von Andrea Heistinger rüttelt schon auf den ersten Seiten an diesem unrealistischen, nicht mehr zeitgemäßen Bild des Selbstversorgers.

Das Buch beschreibt verschiedene Formen der modernen Selbstversorgung. Es wird aufgezeigt, welche Möglichkeiten heutzutage für Menschen bestehen, sich selbst mit gesunder Nahrung zu versorgen. Vom eigenen Garten, über eine Mietparzelle bis hin zu solidarischer Landwirtschaft oder Food-Kooperativen gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, sich allein oder gemeinsam mit anderen um die Versorgung mit gesundem, regionalem und saisonalem Essen zu kümmern.

Heistinger führt die Leser Schritt für Schritt an die Selbstversorgung heran: Sie zeigt Möglichkeiten auf, weist auf notwendige Voraussetzungen dafür hin und regt an, die eigenen Bedürfnisse, den Bedarf und die Vorstellungen in Bezug auf Nahrung und auch auf die dafür aufgewendete Arbeit genau zu hinterfragen.

Ein Selbsttest gibt Auskunft darüber, welcher Selbstversorgertyp man von seinen Voraussetzungen her (Lebensstil, Erfahrung, räumliche Gegebenheiten etc.) ist.

Dieses Buch hat das Zeug, zur „Bibel“ für jeden zu werden, der sich für Selbstversorgung interessiert.

Es gibt Auskunft über Boden, verschiedene Arten der Düngung, von Bokashi, Kompost, Mulchen, Komposttee, Pflanzenjauchen, verschiedene Beetformen mit ihren Vor- und Nachteilen werden vorgestellt ebenso wie die erforderlichen Gerätschaften, um einen Garten selber anzulegen und zu pflegen.

Der intersssierte Leser wird durch das gesamte Gartenjahr begleitet. Von der Planung über die Aussaat, das Abhärten, Pflanzen bis hin zur Ernte und zu Lagermöglichkeiten bietet Heistinger einen fundierten Überblick über das Gemüsegärtnern. Auch auf die speziellen Möglichkeiten im Winter und sogar auf den Klimawandel wird eingegangen.

Für Gemüsegarten-Anfänger bietet das Buch auch eine gute Übersicht über verschiedenste Gemüsearten und Kräuter, deren Aussaatzeitpunkt, Besonderheiten und Bedürfnisse – versehen mit ganz speziellen Sortentipps. Dasselbe trifft auch auf den Obstanbau zu. Ein Überblick über Arten und Sorten, das fachmännische Pflanzen und Pflegen bis hin zu Anlage einer Streuobstwiese und zu Konservierungsmethoden ist alles in diesem Wälzer zu finden.

Sogar über Bienen- und Hühnerhaltung findet sich ein Kapitel. Sehr viele moderne Selbstversorger legen sich ja eine kleine Hühnerschar zu, um Eier von glücklichen Hühnern genießen zu können – und nebenbei noch den Garten düngen zu lassen 😉

Hätte es dieses Buch schon vor 15 Jahren gegeben, wäre mein Bücherschrank weit weniger vollgestopft mit Literatur zum Thema Selbstversorgung, Gemüsegarten, Gemüsearten, Permakultur, Hausgarten, Pflanzenschutz, Düngung etc. Als ich angefangen habe mit dem Gärtnern, habe ich dutzende Bücher gekauft, die das Thema von verschiedenen Seiten her beleuchten. Das kann man sich nun sparen. Die neue „Selbstversorger-Bibel“ ist ein All in One-Werk.

Ich kann dieses Standardwerk nur jedem ans Herz legen, der sich dafür interessiert, sich mit gesundem Gemüse und Obst selber zu versorgen – ob nun aus dem eigenen Hausgarten, auf einer Pachtparzelle, einem Kleingarten oder durch Gründung einer Food-Kooperative.

Andrea Heistinger
Arche Noah
„Basiswissen Selbstversorgung aus Biogärten“
Individuelle und gemeinschaftliche Wege und Möglichkeiten
Löwenzahn-Verlag, 2018
472 Seiten
ISBN 978-3-7066-2548-7

If you eat, you’re in – Saison zwei

Unsere vier Gemüsehochbeete im Stadtpark von Groß Enzersdorf wurden letztes Jahr nach zögerlichem Beginn doch recht fleißig beerntet. Und auch wenn sich eine lokale Reporterin über die dürren Stängel in den Beeten im Winter aufgeregt hat und so manchen gar nicht gefiel, dass im Park auch Gemüse angepflanzt wird, sind wir im April kurz entschlossen in die zweite Saison mit unserem “Mini-Urban Gardening-Projekt” gestartet. Wir haben die Beete mit etwas Dünger frühlingsfit gemacht und Pflücksalate und Kohlrabis gepflanzt.

Beim Gießen heute habe ich gesehen, dass es in den Beeten mittlerweile von tollen Sämlingen nur so wimmelt: Pflücksalate, Rucola, Ringelblume, Tagetes und sogar der Hirschhornwegerich haben sich ausgesamt. Praktisch! Das spart Zeit, Geld und Arbeit. Man muss die Natur nur lassen. An zwei Stellen kommen auch ganze Büschel von Tomatensämlingen von heruntergefallenen Tomaten. Die Paradeisersämlinge werden wir beim Bepflanzen nach den Eisheiligen wohl entfernen, sie sind sehr spät dran. Aber von den übrigen Sämlingen kann man vieles stehenlassen und vielleicht mag ja jemand von den Beteiligten ein paar davon mit nach Hause nehmen und am Balkon oder im Garten auspflanzen.

Es ist übrigens ein nettes Projekt. Es macht wenig Arbeit und man kommt fast immer beim Gießen mit Leuten ins Gespräch, die fragen, was das ist, ob sie hier auch ernten oder mitmachen können.

Unser Mini-Projekt zeigt, wie einfach es ist, selber Gemüse anzubauen. Man braucht nicht viel Platz dafür, kann zum Bauen der kleinen Hochbeete sogar auf altes Material zurückgreifen und kreatives Recycling betreiben. So ein Mini-Hochbeet findet auf fast jedem Balkon Platz und wäre auch ein Gewinn für die vielen ungenutzten Rasenflächen zwischen Genossenschaftswohnungen oder für öffentliche Flächen. Zusätzlich zur Ernte lernt man viel über die Natur, lernt genaues Beobachten, und kommt mit Menschen im öffentlichen Raum in Kontakt. Es ergeben sich nette Gespräche und neue Bekanntschaften. Auch das ist der Sinn des Urban Gardening: Rauskommen aus der Anonymität am Wohnort, ein neues Miteinander und aufeinander Zugehen.

Hier geht’s zum ersten Artikel über das Mini-Projekt im Groß Enzersdorfer Stadtpark vom letzten Jahr:
If you eat, you’re in

Prioritäten

Ein Garten ist stete Veränderung. Ein Gartenblog daher auch.

Als ich mit dem Gärtnern anfing, war mir von Anfang an auch das Gemüsegärtnern ein sehr wichtiges Anliegen. Ich stöberte in einigen Gartenforen und durch deren Einfluss glaubte ich, ich dürfe mich nur dann Gärtnerin nennen, wenn ich eine umfassende Pflanzenexpertin wäre. Von allen Arten, die ich liebe, müsse man gleich ein Dutzend unterschiedliche haben und diese auch noch mit lateinischem Namen kennen. Also war ich wie so viele andere auf der Jagd nach Besonderheiten – nach der fünfundzwanzigsten Hosta und der achtundsiebzigsten Rose oder dem vierzehntem Geranium. Gartenbesucher konnten mich nach allen lateinischen Pflanzennamen und der Herkunft der Gartenbewohner fragen, die Antwort kam umgehend. Mit der Zeit wurde das ganz schön stressig und die Sinnfrage stellte sich mir. Was für ein absurder Wettbewerb in den Foren und Blogs! Pflanzen, die nur mit viel Zureden und Gehätschelt-Werden jedes Jahr wieder wuchsen, fand ich zunehmend lästig. Die Schilder mit den lateinischen Namen entfernte ich aus den Beeten und ich begann praktischer an die Sache heranzugehen. Und entspannter! Was nicht gedeihen wollte, wurde nicht mehr nachgekauft. Was gut gedieh, durfte sich aussamen und nach Belieben auch an anderen Plätzen einnisten.

Dekorative Elemente gibt es nach wie vor in unserem Garten, aber ich mag nicht mehr viel Zeit dafür aufwenden. Die Motivation, mit Life-Style- oder Trend-Gärten aus Magazinen und Blogs mitzuhalten, kam mir zu einhundert Prozent abhanden. Für mich bedeutet Gärntern nicht, auf jedem Tischchen im Garten stets einen frischen Strauß Blumen zu stellen oder alles mit jahreszeitlichen Elementen zu dekorieren. Ich will in unserem Garten einfach leben. Ich will ihn genießen. Er soll unseren Bedürfnissen gerecht werden. Und so hat sich der Garten verändert und die Lust am Bloggen ist gesunken. Denn all die schönen Bildchen von „Gartensituationen“ mit lauter Deko-Elementen darauf, die dann in den Kommentaren mit unzähligen “Wow”’s bedacht werden, haben einfach mit dem, was ich unter Gärtnern verstehe, rein gar nichts zu tun. Und, ganz ehrlich, ich blogge auch nicht, um möglichst viel Kommentare zu bekommen, sondern weil ich einfach Lust am Reflektieren und Schreiben habe. Was nicht heißt, dass ich mich nicht über jeden einzelnen Kommentar freue, wenn ich merke, dass er wirklich Bezug auf das nimmt, was ich geschrieben habe – und nicht nur hinterlassen wurde, damit ich einen “Gegenbesuch” auf dem anderen Blog mache.

Bachlauf im Wachsen und Werden-Garten

Nachdem ich in den letzten zwei Jahren die meiste Zeit für die Betreuung von Flüchtlingen – und die allermeiste Zeit und Energie für „meine“ vier Jungs – aufgewendet habe, hatte ich einfach keinen freien Kopf, wenig Zeit und auch Lust zum Bloggen. Die Welt ist verrückt geworden in dieser Zeit, die Politik ist grauenhaft und beängstigend. Aber der Garten lief weiter. Einige neue Projekte wurden umgesetzt. Wir haben viel geerntet. Aber die Prioritäten lagen auf den Menschen, um die ich mich gekümmert habe und noch immer kümmere. „Meine“ Jungs sind zum Teil flügge geworden, es gab und gibt wunderbare Momente und auch wahnsinnig traurige. Meine Zeit und Energie kann und will ich nun wieder verstärkt auf’s Schreiben richten, denn es hat mir gefehlt. Aber ich glaube, es wird – wieder einmal – eine etwas andere Art des Bloggens daraus erwachsen. Die Prioritäten haben sich verschoben, im Leben, im Garten und auch in dem, was ich mit-teilen will.

Also, liebe neue und alte GartenfreundInnen, BloggerInnen, LeserInnen: Ich hoffe, ihr schaut mir nun hin und wieder beim Gärtnern über die Schulter. Ich freue mich auf eure Besuche, Kommentare und auf den Gedankenaustausch mit euch!

Vorübergehend umgezogen

Wie habt ihr die große, lange Hitzewelle im Sommer überstanden? Bei uns hatte es einige Wochen fast täglich um die 37, 38 Grad. Das Haus heizte sich mit der Zeit dermaßen auf, dass es drinnen nicht mehr auszuhalten war, nicht einmal im Wohnkeller. Auch die Nacht brachte keine Abkühlung – bei 25 Grad und null-Luftbewegung, wie soll da auch etwas abkühlen?

Wir sind nach und nach immer weiter nach hinten gewandert in den Garten. Auf der überdachten Terrasse, die normalerweise unser Outdoor-Wohn- und Esszimmer ist, war es nicht mehr auszuhalten. Also haben wir als erstes das Esszimmer nach hinten unter die großen Bäume verlegt. 2015-09-08_04wzEine LED-Lichterkette, die noch vom großen Gartenfest montiert war, hat als Beleutung gedient. Abends war das Esszimmer ein recht romantisches Plätzchen!

Da Kochen in der kleinen aufgeheizten Küche eine unglaublich schweißtreibende Angelegenheit war, bastelten wir eine äußerst provisorische Outdoor-Küche.2015-09-08_01wzEine alte Werkplatte auf zwei Stehern, eine Kochplatte, eine verschließbare Plastikbox für große Töpfe und Pfannen und ein kleines Kasterl für Kleingeschirr und ein paar grundlegende Lebensmittel wie Öl, Essig, Salz, Nudeln, Gewürze etc. Abgewaschen wurde gleich daneben in einer Plastikwanne. Ein langes wasserfestes Stromkabel hatten wir ja für das Fest vorher schon durch den ganzen Gemüsegarten verlegt, hier wurden die Kochplatte und die LED-Beleuchtung zum Kochen angeschlossen. Wasseranschluss gibt es sowieso in mehreren Gartenbereichen. Endlich Kochen ohne in Sekundenschnelle einen Schweißausbruch zu erleiden!

Natürlich gewinnt unsere “Outdoor-Küche” keinen Schönheitspreis, aber sie hat ihren Zweck gut erfüllt und auf diese Weise konnten wir einmal testen, was wir wirklich draußen brauchen, um sinnvoll kochen zu können. Erstaunlich wenig! Vielleicht bauen wir uns in den kommenden Jahren einmal eine dauerhafte Outdoorküche im rückwärtigen Gartenbereich.

Und nach dem Essen?

Entspannen in der Badewanne, die noch nie so oft und so lang benützt wurde wie in diesem Sommer!2015-09-08_05wzSie hat ein kleines Deck aus einer alten Palette und ein paar Lärchenbrettern bekommen, damit die Füße schön sauber bleiben beim Rein- und Rauskraxeln. Und ein paar Kerzen für die Romantik am späteren Abend!

Und wenn man ganz und gar faul sein möchte? Wir haben eine Weile überlegt, ob wir das machen sollen. Aber mein Schatz hatte gerade in den heißen Wochen Urlaub, den wir zuhause verbracht haben. Also, ja. Kurzerhand haben wir noch ein langes Kabel besorgt und auch quasi das Wohnzimmer nach draußen verlegt, genauer gesagt, an den Teich.2015-09-08_02wzFernsehgeräte sind heutzutage glücklicherweise ganz leicht, sodass es schnell raus- und reingetragen werden konnte. Natürlich wollten wir keine Nachbarn mit Lärm belästigen und haben Kopfhörer am Fernseher angeschlossen.

Da sich mit der Zeit auch unser Schlafzimmer für mich unterträglich aufgeheizt hatte, habe ich es vorgezogen, einige Nächte in der Hängematte unter der großen Pappel zu verbringen. 2015-09-08_03wzIch habe wesentlich besser geschlafen als im heißen Schlafzimmer.

Der Garten hatte somit einige Wochen lang noch viele Zusatzfunktionen! Und ich bin echt dankbar für paar großen, alten Bäume, die wir im Garten haben und die in solch heißen Wochen ein wenig Schatten spenden.

Und: Wie habt ihr die heißen Wochen überstanden?

 

Ein PS noch: Bitte seid nicht böse, wenn ich derzeit nicht zum Kommentieren komme, ich engagiere mich ein wenig dabei, Flüchtlingen, die in Wien landen, weiter zu helfen.
In diesem Zusammenhang möchte ich nochmal auf meinen Beitrag zu diesem Thema hinweisen (Refugees welcome – Asyl im Gemüsegarten).

Blogger gegen Fremdenhass: Refugees welcome – Asyl im Gemüsegarten

Mein Gemüsegarten ist ein Zuwanderungsland ersten Ranges.

Meine ganz besonderen Lieblinge, die Tomaten, sind Nachfahren der einst aus Mexiko eingewanderten tomatl. Zum Glück hatten sie es damals noch leichter und es wurden ihnen keine Steine in den Weg gelegt, als sie ihre Verwandtschaft nachgeholt haben: Die vielseitig verwendbaren Paprikas, Chilis, die vielen Gerichten erst ihre richtige Würze verleihen und die säuerlichen Tomatillos, ohne die wir auf Salsa verde verzichten müssten – alle aus Mittelamerika.

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Tomatensorten: Green Sausage, Tangella, Minibel, Striped Turkish, Himbeerrose, Tumbling Tom, Gelbe von Thun, Striped Roman; Gurkensorten: Lemberger Gurke, Marketmore; Paprikasorten: Neusiedler Ideal, Purple Beauty

Ebenfalls aus Mittelamerika kommt der Hörnchenkürbis, auch Inkagurke genannt. Es gibt nicht viele dieser Art in unserem Breitengraden. Nichtsdestotrotz werden ihre Qualitäten von meinen Gartenbesuchern sehr geschätzt und rufen oft ein erstauntes “Mmmhh” hervor.

Ein Einwanderer schafft es zumindest im Herbst auf alle Teller: der Kürbis. Auch seine Wurzeln liegen in Mittelamerika und selbstverständlich wohnt auch er hier.

Beim Zucchini wird es recht verworren: Er hat ganz zu Anfang Vorfahren aus Mexiko, dann wird die Familiengeschichte kompliziert: Es scheint einen Familienzweig in Nordamerika zu geben und einen in Südeuropa. Von welcher Linie die bei uns zugewanderten Zucchini stammen, ist umstritten. Das ist aber ohnehin egal. Denn in beinahe jedem Gemüsegarten hat zumindest ein Nachfahre Asyl bekommen.

2015-08-25_09wzDie allseits beliebten und bekannten Karotten, man sieht es ihnen nicht an, aber auch sind Einwanderer. Es gibt sie in vielen Farben: Die weißen kommen aus dem Mittelmeerraum, die gelben und violetten und rötlichen stammen gar aus dem fernen Afghanistan, einem Land, dessen Einwanderer heutzutage vielfach auf Ablehnung stoßen. Da steckt einfach Unwissenheit dahinter. Wir lieben sie doch alle, die Karotten, sie gehören zum beliebtesten Gemüse der Mitteleuropäer. Dabei sind sie nichts weiter als eine Kreuzung dieser drei Formen. Multi-Kulti mag anscheinend doch jeder.

Genauso bunt kommt der Rettich daher, es gibt rote, orange, gelbe, weiße und sogar schwarze. Ein Vorderasiate, kaum zu glauben. Wo er doch in so gut wie jedem Biergarten im Sommer mit auf den Tisch kommt.

2015-08-25_06wzEin eindeutig sehr exotischer Zuwanderer ist der Malabarspinat. Ein waschechter Inder.

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Malabarspinat

Er begeistert mit besonderen Qualitäten, man muss sie nur erkennen und fördern, so wie man das auch bei Menschen machen sollte. Bietet man ihm ein wenig Raum zum in die Höhe klettern, liefert er wahnsinnig viel Ertrag, der sich zu köstlichen Speisen verarbeiten lässt.

Ohne dass es vielen Gärtnern (und Essern) bewusst ist, haben sie mit der Gurke den personifizierten Weltenbürger in der Schüssel. Unter “Cucumis” wird die ganze Kürbisfamilie zusammengefasst, also Kürbisse, Melonen, Zucchini und Gurken. Daher liegt die Vermutung nahe, dass auch die familiären Wurzeln der Gurke irgendwo in Mittelamerika liegen. Jedoch wurden ca. 10.000 Jahre alte Gurkensamen im Grenzgebiet zwischen Thailand und Burma gefunden. Ebenso alte Samen gibt es in Nordamerika. Und auch in Indien und Ägypten gibt es seit vielen tausend Jahren Gurken. In welche Schublade soll man also die Gurke stecken? Eine Zwickmühle für alle Dogmatiker, die dennoch begeistert zwei mal in der Woche ihren Gurkensalat oder zum Gegrillten gern mal ein Tsatsiki essen.

Aber die Bohnen, die sind soch bestimmt hier ansäßg, haben eine rein mitteleuropäische Linie? Schwer daneben, kann ich da nur sagen. Der Ursprung der Gartenbohne, der Phaesolus vulgaris, liegt in Amerika.

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Blauhilde, eine der beliebtesten Stangenbohnen

Woher das von mir geliebte Eiskraut, auch Eisperlensalat genannt, kommt? Darüber habe ich mir ehrlich noch keine Gedanken gemacht!

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Eiskraut, auch Eisperlensalat (Mesembryanthemum crystallinum)

Ich mag es einfach. Und zwar weil es so anders ist. In einer großen Schüssel mit Blattsalaten, deren Vorfahren übrigens zum Großteil aus dem Mittelmeerraum stammen, sticht es mit seinen knackigen Qualitäten besonders hervor. Sozusagen die Würze im Einheitsbrei.

Ich gewähre auch einigen anderen Geschöpfen aus dem Mittelmeergebiet Asyl hier im Garten, ganz egal, ob sie nun Wirtschaftsflüchtlinge sind oder nicht: Sie sind hier und sie bereichern mit ihren Fähigkeiten unser kulinarisches Erleben. Der vielseitige und bunte Mangold, eine Weiterzüchtung des wild an den Mittelmeerstränden wachsenden Mangolds. Der robuste Hirschhornwegerich, auch er von den Küstengebieten Südeuropas einst zu uns gekommen. Und viele, viele mehr.

Und wenn wir schon dabei sind: Einen Türken habe ich auch. Die Türkische Rauke, ein sehr freundliches Gewächs, zuverlässig, hart im Nehmen, aufregend am Gaumen.

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Türkische Rauke

Aber da ist dann Schluss, oder? Schließlich gibt es kulturelle Unterschiede, unüberbrückbare, oder?
Nein.

Vor Jahren schon kam die ostasiatische Speisechrysantheme hier in den Garten, Schlepper haben sie gebracht. Sie kam und ist geblieben. Hartnäckig. Und gar nicht mal unauffällig mit ihren gelben und weißen Blüten. Und wisst ihr was? Sie schmeckt uns, wir lieben sie inzwischen!

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Speisechrysantheme

Ein weiterer Asiat wohnt jeden Herbst bei uns: Pak Choi. Er wohnt aber nur kurz da, dann wird er ob seiner Beliebtheit einfach verschlungen.

Und ich wette, dieser Geselle aus den weiten Steppen Zentralasiens findet sich in vielen Gärten, ganz sicher aber in jeder Küche: der Knoblauch. Unabkömmlich ist er geworden hier, kaum vorzustellen ein Mitteleuropa ohne seine Würze!

Ihr merkt, in unserem Gemüsegarten wohnt ein unglaubliches Völkergemisch, dabei habe ich noch lange nicht alle Vertreter der einzelnen Nationen aufgezählt. Und wisst ihr was? Sie harmonieren gut miteinander.

Wir Gemüsegärtner schätzen sie sehr, diese Vielfalt und nehmen mit Freude, Neugier und oft auch Erstaunen ob der verborgenen Talente Neuankömmlinge in unsere Gärten auf.

Ich wünsche mir, dass die Politik genauso wie der Gaumen, die Vielfalt positiv sieht, die Talente der einzelnen zu schätzen lernt und sich nicht von der Angst vor “Magenverstimmungen” davon abschrecken lässt, unseren “Garten Europa” für diese Vielfalt zu öffnen.

Die Welt sollte einfach ein bisschen mehr wie ein Gemüsegarten sein.

 

Durch Anja (von ihr habe ich auch Teil eins des Titels “Blogger gegen Fremdenhass” übernommen, weils einfach so gut passt) bin ich auf den Blogbeitrag Deutschland, was ist los mit dir? von texterella.de gestoßen.

Da hier in Österreich leider die Situation genauso schlimm ist, im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen Kinder, Frauen und alte Menschen seit Wochen auf dem nackten Boden im Freien schlafen müssen und sich Bürger massiv gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in ihren Heimatgemeinden wehren, will ich hier ein Statement abgeben für die Vielfalt und gegen die Angst vor dem vermeintlich Fremden.

 

Edit: Kurz nach der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags wurde ich erst auf die Aktion Blogger für Flüchtlinge aufmerksam. Eine gute Möglichkeit, selber etwas beizutragen. Aus vielen kleinen Tropfen wird auch ein Meer.